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In der Antike philosophierte man im Dialog, dieser Tradition folgend entstand dieses fiktive (von fingere - sich etw. ausdenken) Gespräch über den Sinn oder Unsinn Latein zu lernen

Dialog zwischen Homo modernensis (kurz HM) und Homo negans (negare = verneinen, hier: wiedersprechen) (HN):

HM: "Warum Latein?"

HN: "Warum nicht?"

HM "Weil es eine tote Sprache ist."

HN: "Goethe und Schiller sind auch tot, sie sind aber trotzdem in unseren Lehrplänen und in Frankfurt oder Weimar hat um 1780 niemand so gesprochen, wie die beiden geschrieben haben. Tote Sprache ist eine Metapher und meint Sprache dann, wenn sie nicht vornehmlich zur Kommunikation verwendet wird. Sprache dient aber nicht nur zur Alltagskommunikation. Es gibt Sprache auch in Romanen, Dramen, Gedichten. Auch das ist also tote Sprache.

Genauso ist es mit der Sprache der Wissenschaften: Niemand außer den Wissenschaftlern selbst kommuniziert in dieser Sprache. Also ist auch diese Sprachform eine tote Sprache. Niemand wir aber daran zweifeln, dass Wissenschaften, wie Medizin, Jura usw., jemals ihre Fachsprache aufgeben werden. Wer z.B. Medizin studieren will, dem muss man, wenn man die Fachsprache kennt, nämlich dringend raten auch noch Griechisch dazuzulernen."

HM: "Trotzdem ist es unverantwortlich, die Gehirne von Kindern und Jugendlichen mit diesem antiquierten Zeug zu belasten!"

HN: "Die moderne Gehirnforschung zeigt, dass es für das menschliche Gehirn kein Limit gibt, wonach, wie bei einem Computer, ab einer bestimmten Speicherkapazität Schluss ist. Die Ergebnisse gehen vielmehr dahin, dass das, was wir uns angewöhnt haben Intelligenz zu nennen, zu einem Großteil auf der Fähigkeit beruht, Verknüpfungen herzustellen. Diese Fähigkeit wiederum basiert auf der Sprachkompetenz, d.h. je mehr Begriffe jemandem im aktiven Wortschatz zur Verfügung stehen und je flexibler jemand in der Kombination dieser Begriffe ist, umso großer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich bei einem solchen Menschen so etwa wie Intelligenz entwickelt, ganz abgesehen vom dem, was man früher einmal Bildung nannte.

Zugegeben: Warum sollte jemand ein Drama von Schiller, Shakespear oder, um es ganz wild zu treiben, von Sophokles lesen bzw. kennen, wenn es darum geht, möglichst viel Erfolg in der Berufswelt zu haben und stets über einen entsprechenden Kontostand zu verfügen? Trotzdem überkommt auch heute noch den einen oder anderen das Gefühl, dass einem Menschen etwas fehlt, wenn er seine kulturellen Wurzeln nicht kennt oder wenn er nie in seiner Phantasie mit Odysseus auf Irrfahrt gegangen ist.

Diese unsere Kultur ruht bis heute auf drei Säulen: Der Aufklärung, dem christlich-jüdischen Menschenbild und griechisch-römischen Erbe. Wer sich und die Welt, in der er lebt verstehen will, muss sich mit diesen Themen auseinander setzen."

HM: "Aber man kann doch die alten Texte auch in Übersetzung lesen!"

HN: "Ja, kann man. Aber wir sind hier am Gymnasium, das ist die höchste Schulform, die wir haben. Wir können es uns auf Dauer nicht leisten, hier nur einen Blick auf das Meer des Wissens und der Wissenschaften zu vermitteln, wir müssen hier auch künftige Seeleute ausbilden und diese müssen wissen, wovon sie reden. "Ad fontes" (Zu den Quellen) war einmal ein Schlagwort, das ganze Bildungsgenerationen beflügelte; "Wir wollen es genau wissen!" hätten diese Leute auch sagen können. Solche Leute werden von Fächern wie Latein und auch Griechisch nicht belastet, sondern beflügelt."

HM: "Ich bleibe dabei: Man sollte den alten Plunder abschaffen."

HN: "Bravo, ganz Ihrer Meinung und dann schaffen wir auch noch alles andere ab, was uns auch nicht in den Kram passt. Wenn man sich die Schulwirklichkeit so ansieht, liegt das genau im Trend: Wenn die Rechtschreibung zu schwierig wird für die Schüler, sorgen wir dafür, dass sie eben aus den Anforderungen herausgenommen wird und sagen Kommunikationsfähigkeit sei viel wichtiger. Schriftliche Kommunikation ist also keine Kommunikation. Kürzen, kürzen!

Warum dürfen dann aber Religionslehre, Kunst, Musik, Sport bleiben? Nur Latein muss gehen! Aber doch nur deshalb, weil diese Fächer einfach weniger "Probleme" machen. Latein hat nur ein Problem: Man muss sich (in der Regel) anstrengen, wenn etwas Vorzeigbares herauskommen soll.

Was glauben Sie denn? Wenn es z.B. in Sport eine nennenswerte Quote an Schülern gäbe, die wegen Sport durchfallen oder die Schule verlassen müssen, dann würde sofort eine Diskussion über die unglaubliche Verletzungsgefahr in diesem Fach entstehen und dass man ein solches Fach den Schülern nicht zumuten kann.

Wir haben es uns da in einer schlimmen Schizophrenie gemütlich gemacht!"

HM: "Ich hatte ja auch Latein und es war schrecklich!"

HN: "Glaub´ ich sofort, ich habe mich auch nicht auf jede Lateinstunde gefreut. Ein Schüler hat mir am Ende der 10. Klasse einmal vorgerechnet, wie viele Lateinstunden er nun insgesamt hatte und dann die Zahl mit dem Kommentar versehen: "So viel verlorene Zeit!" Ich habe ihm geantwortet: " Wenn ich könnte, würde ich dich von deinem Wissen wieder befreien und du würdest dafür sehr bald hassen."

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