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bourges 2015 1 kleinNach 10 Jahren Pause begab sich dieses Jahr im Oktober wieder eine 16-köpfige Truppe auf große Fahrt in die Augsburger Partnerstadt Bourges. Es störte - zumindest unsere Jungs – auch überhaupt nicht, dass sich in Frankreich viel mehr Mädchen als Jungen zum Austausch angemeldet hatten.

Schon die Hinfahrt war keineswegs langweilig. Nach verspäteter Abfahrt, weil manche Schüler auch in der 9. Klasse die Uhr noch nicht kennen, blieb es bis zur Grenze relativ ruhig, abgesehen von gefühlten 27,5 verschiedenen Musikrichtungen, die aus sämtlichen Handys, Lautsprechern und Schülermündern erschallten. Kaum in Frankreich begannen dann die Fragen: „Was heißt eigentlich … auf Französisch?“, „Wie sagt man …?“ usw., die bis zur Ankunft stetig zunahmen. 30 km vor Bourges war der Lärmpegel und der Sauerstoffmangel dann so unerträglich, dass jeder erleichtert war, als die erleuchtete Kathedrale von Bourges auftauchte.

Der Empfang war umwerfend! Da wir mit zwei Bussen – Maria-Theresia- und Holbeinschüler waren auch mit dabei - gefahren waren, warteten über hundert aufgeregte Familien auf ihre Austauschpartner und tatsächlich hatte am Ende jeder Schüler seine Familie gefunden und keiner blieb übrig.

Nach der ersten Nacht gab es natürlich jede Menge Dinge zum Aufregen. „Die Betten sind so komisch, ich wusste gar nicht, wie ich einsteigen soll.“, „Die essen ja voll viel am Abend“, „Ich habe kein Wort verstanden, die reden viel zu schnell“, „Die wollen einen ständig abbusseln“,„Ich glaube, ich fahre gleich wieder heim.“ Da kannten die Schüler aber das Schulsystem noch nicht. Nach der Begrüßung von einer strengen Frau Direktorin, einer Führung durch die Schule und einigen besuchten Unterrichtsstunden, kamen dann noch weitere Bemerkungen dazu: “Ich habe im Unterricht gar nichts verstanden.“, „Haben die wirklich jeden Tag bis 17.00 Uhr Schule“, „Da wohnen manche ja im Internat“ usw.

Nach den ersten überwundenen Schocks ging es am zweiten Tag schon besser. An diesem Tag lernten die Schüler erstmal Bourges und vor allem seine faszinierende Kathedrale und nachmittags dann ihre Austauschpartner besser kennen.

Am Donnerstag ging es wieder in die Schule, und dort wurden Interviews geführt von den deutschen und französischen Austauschpartnern zusammen mit dem gesamten Schulpersonal von der Putzfrau, über die Köche, die Sekretärinnen, die „Surveillants“ (Aufsichtspersonen), die Lehrer, die Internatsverwaltung bis hin zur Schulleitung. Alle sollten berichten, was sie von Deutschland und Bayern wissen. Manche konnten nur Klischees aufzählen, andere hatten persönliche Erfahrungen gemacht, eine Lehrerin erzählte sogar eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die sie vor 30 Jahren mit einem bayerischen Jungen erlebt hatte.

bourges 2015 2 kleinDa zur gleichen Zeit australische Austauschschüler an der Schule waren, wurde ein Abend organisiert, an dem alle Austauschfamilien zu einem großen Büffet eingeladen waren. Jede Familie sollte etwas mitbringen, und die Abteilung Hotelfach steuerte dann noch eine Riesentorte bei, auf der stand:

Einmal Freunde – immer Freunde
once friends – forever friends“

Nach mehreren Gängen zum Büffet und einigen geplatzten Hosenknöpfen, sah das Büffet immer noch wie unangetastet aus. Neben den ganzen Mitbringseln der Eltern – jede Familie hatte natürlich mindestens für drei Gänge Essen mitgebracht – hatte die Küche der Hotelfachleute auch Angst, dass die Riesentorte nicht ausreiche, und noch 15 weitere Kuchen gebacken.

Nun kannten sich die Austauschpartner schon ganz gut, man plante bereits das Wochenende und so ging die Zeit immer schneller vorbei.

Viele interessante Ausflüge waren für uns organisiert. Wir besichtigten die berühmten Marais, eine Art Mischung aus Schrebergarten-Kolonie und Sumpfgebiet, geführt von einem witzigen Franzosen, der uns raffinierte Tricks mit Pflanzen zeigte, und besuchten das Palais Jacques Coeur, den prunkvollen Stadtpalast des reichen und politisch überaus einflussreichen Kaufmanns Jacques Coeur - des Pendants zu unserem Jakob Fugger. Auch eines der Loire-Schlösser stand auf dem Programm: Chenonceau, ein wunderschönes Schloss, das über den Fluss Cher gebaut wurde und von so berühmten Leuten bewohnt wurde wie Katharina von Medici als Witwe Heinrichs II., die zu diesem Zweck erst die Mätresse ihres verstorbenen Gatten aus dem extra für diese erbauten Schloss vertreiben musste und es später an ihre Schwiegertochter weitervererbte. Da jede der drei Damen ihren eigenen Gartengeschmack hatte, sind auf dem Gelände um das Schloss herrliche Gärten in unterschiedlichster Manier zu besichtigen.

Nach zwei absolut ereignisreichen und beeindruckenden Wochen kam der Tag der Abfahrt, und wie bei der Ankunft war der große Platz komplett mit Familien übersät. Diesmal keine Aufregung, sondern große Trauer. Man hatte sich aneinander gewöhnt, gerade angefangen sich gut zu verstehen, viel Zeit miteinander verbracht und nun geht es wieder auseinander. „Stellen Sie sich vor, die Eltern hatten Tränen in den Augen, als sie mich verabschiedet haben.“, „Ich fahre nächstes Jahr wieder hin.“, „Je veux un bisous.“- „Ich dachte, du findest das Gebussel so abscheulich?“ – „Ach, jetzt habe ich mich daran gewöhnt.“

Die Rückfahrt verlief dann doch eher ruhig – und das nicht nur, weil wir Lehrer ein absolutes Handy- und Lautsprecherverbot verhängt hatten, sondern weil alle Schüler erstmal die vielen Eindrücke und neuen Erfahrungen verarbeiten mussten und sehnsüchtig daran dachten, wie schön es wird, wenn sie ihre AustauschpartnerInnen im März wiedersehen.

Alle entstandenen Probleme ließen sich irgendwie lösen, und nun freuen wir uns auf den Gegenbesuch und viele weitere Austausche.

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